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Tage Flossfahrt von Bamberg bis Mainz
400 Kilometer auf einem Floss
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Die
Idee, die jahrhundertalte Arbeit
der Flösser zu reportieren,
kam mir, wie ich auf der Figurengeschmückten
Würzburgerbrücke stand.
Da steuer-ten vier Flösser
ein Floss von ansehnlicher Länge
durch die Flossgasse unter dem mittleren
Brückenjoch hindurch. Da fahr
ich mit!
Ein Fischer am Würzburgerquai
gibt mir Auskunft, dass die Flosse
von Lichtenfels und Kronach, also
aus dem Frankenwalde her kämen.
Noch am selben Nachmittag trägt
mich der Schnellzug in den Frankenwald
nach Kronach. Platt war ich, wie
die Rodach, das Flüsschen bei
Kronach ganz wenig Wasser führte,
und die Baumstämme fast auf
dem Trockenen waren, statt im Wasser.
Von hier weg eine Flossfahrt zu
machen kommt nicht in Frage, darüber
war ich mir klar und eine Stunde
später sass ich schon wieder
im Abendzug und fuhr zurück
nach Bamberg. Von hier weg werden
die grossen Flösse abwärts
gefahren. Und richtig in Bischberg,
vier Kilometer unterhalb Bamberg,
da zimmerten und hämmerten
und sägten Herr Johann Müller
aus Wallenfels und seine zwei Söhne
samt einem Nachbar, ein Floss zusammen:
"Kann ich mitfahren", "Gewiss",
meinte Herr Müller, "in zwei
Tagen fahren wir, um vier Uhr morgens
müssen Sie in der Schleuse
bei Viereth sein". Gut, zwei Tage
blieb mir Zeit um den Aufbau des
Flosses mitzuverfolgen.
Das Floss ist 120 Meter lang. Länger
als 130 Meter darf es nicht werden.
Es sind 500 Fichten- und Föhrenstämme,
die zu Tal geflösst werden.
In Kubikmetern ausgedrückt
sind es 280 Kubikmeter Holz. Das
Floss wird 9 Meter breit gebaut.
Auf diese Weise kommen 35 Baumstämme
nebeneinander zu liegen. Auch die
Breite von 9 Metern stellt das Maximum
dar, und zwar kann und darf das
Floss nicht breiter gebaut werden,
der Flossgassen wegen , die es zu
passieren hat und der Schleusen
wegen.
Die Baumstämme bilden drei
Lagen übereinander. Alle Stämme
sind entrindet. Die Stämme,
die im Frühling gefällt
werden, lassen sich mühelos
entrinden, während die Stämme,
welche im Sommer oder Herbst gefällt
werden immer noch etwas ein bräunliches
Aussehen haben, weil bei ihnen sich
die Rinde nicht so leicht und nicht
ganz lösen ließ. In der
Mitte des Flosses haben die Flösser
ihre Hütte errichtet. Es ist
eine aus Brettern gezimmerte Hütte.
Drin liegt genügend Stroh ich
habe auf der ganzen Fahrt in keiner
Nacht gefroren. 5 Mal im Jahr fährt
Herr Müller mit einem Floss
au Tal. Wenn eine Fahrt auf den
Herbst oder Vorfrühling fällt,
nimmt Herr Müller sein Bett
mit in die Hütte. Vernagelt
wird das Floss mit 30 Kg. 18 cm
Nägeln. Jeder einzelne Stamm
wird an Querhölzern verschiedentlich
vernagelt.
Herr Müller zählt 61 Jahre
und sein Nachbar, der mitfuhr 65
Jahre. Schon seit dem 14. Lebensjahr
fährt Herr Müller mit
Flössen zu Tal. Man siehts
den Flössern an, dass sie das
Handwerk schon sehr lange betreiben.
Mit ungeheurer Ruhe, treiben, leiten
und stemmen sie das Floss mit ihren
Stangen um die Mainwindungen und
den Brückenbogen durch, lassen
es im Tempo von 30 Kilometer die
Flossgassen hintunterschiessen und
steuern es ohne jegliche Hast in
die Schleusen. Keine Fische habe
ich ja während der ganze Fahrt,
während der ganzen 8 Tage vernommen.
Gestossen wird das Floss nie, sondern
die Arbeit der Flösser besteht
lediglich darin, mit ihren 6 Meter
langen Flösserstangen das Floss
immer in der Strömung zu halten
und so jegliches Scheuern des Flosses
am Ufer wenn möglich zu verhindern
suchen. Dass es bei dieser Flösserarbeit
nicht ohne größere Muskelarbeit
und ohne turnerische Geschicklichkeit
abgeht, sieht man. Und just diese
Arbeit mit den Flösserstangen
heißt man: flössen.
Diese Arbeit bedingt natürlich
eine kräftige Nahrung, welche
die Flösser auf einen kleinen
Kachelofen zuzubereiten wissen.
An Fleisch wird da im Topfe nicht
gespart. Hingegen ist der ½ Liter
schwarze Kaffee, den wir als Bestandteil
des Morgenessen hatten, wieder eine
Sache für sich. Hinter der
Hütte, der Sonne abgekehrt
ruhen 5 Fass süffigen bayerischen
Biers. Auf der Fahrt, während
der grossen Nachmittagshitze, waren
wir ungeheuer froh um das Getränk.
Und da man Mainabwärts allgemein
weiss, daß die Flösser
ein schönes Quantum Bier mit
sich führen, so werden wir
des öfteren von einem Fischer
oder einem Matrosen um einen Krug
Bier ausgegangen. Für den Liter
Bier haben wir 32 Pfennige bezahlt.
Während der vielen Jahre, während
deren Herr Müller nun Mainabwärts
fährt, gingen nicht alle Fahrten
so glatt von statten, wie die heurige,
die ich miterlebte.
Gerade letzten Herbst ist dem Flosse
von Herr Müller folgendes zugestoßen:
Ein schwerer Schiffsunfall ereignete
sich am Freitag, den 30. Oktober
gegen 16 Uhr 30 bei Staustufe Himmelstadt.
Das zu Tal fahrende Motorschiff
"Mainloo" mit dem Schiff "Mariahilf"
im Anhange wurde in der Nähe
der Staustufe Himmelstadt plötzlich
vom Nebel überrascht und rammte
das dort tätige Kranschiff:
Um das Unglück voll zu machen
kam noch ein Floss von Johann Müller,
Wallenfels, zu Tal und stiess auch
auf die Schiffe. Und das ganze Kunterbunt
stiess auf die Brücke auf;
das Floss zerschellte und trieb
abwärts in 5 Stücken.
4 Tage waren nötig, um das
Floss wieder flott zu machen.
Unsere einzelnen
Tagesleistungen waren folgende:
| 1. Tag: |
Bischberg
- Schweinfurt |
| 2. Tag: |
Schweinfurt
- Ochsenfurt |
| 3. Tag: |
Ochsenfurt
- Himmelstadt |
4. Tag:
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Erzwungener
Aufenthalt im Himmelstadt,
da der Main bei Harlach durch
einen zu schwer beladenen
Schlepper gesperrt war. |
| 5. Tag: |
Himmelstadt
- Wertheim |
| 6. Tag: |
Wertheim
- Wörth |
| 7. Tag: |
Wörth
- Seligenstadt |
| 8. Tag: |
Seligenstadt
- Höchst bei Mainz. |
Auf das Fahrt passieren wir 10 300
Meter lange Schleusen und 6 Flossgaßen.
Wohl die gefährlichste führt
unter dem mittleren Brückenbogen
der Würzburgerbrücke durch.
Da laufen dann immer die Passanten
auf der Brücke an die Brüstung,
lehnen hinüber und staunen
hinunter wie die vier Flösser
mit sicherer Ruhe das Floss durch
die Widerwellen steuern und stemmen.
Von Lohr weg (liegt unterhalb Würzburg)
wird unser Floss von einem Schlepper
bis Mainz geschleppt, und da just
ein zweites Floss uns in Lohr eingeholt
hat, weil wir ja in Himmelstadt
einen unfreiwilligen Aufenthalt
machen mussten, nimmt der Schlepper
eben grad beide ins Schlepptau.
Noch vor zehn Jahren musste das
Floss nicht geschleppt werden, weil
damals weder Elektrizitätswerke
noch Staustufen am Main in so grosser
Zahl gebaut waren. Diese nehmen
im unteren Teil dem Main fast vollständig
seine Strömung, und so muss
der Flösser, der früher
auf dem sog. freien Main in einem
Zuge durchflössen konnte, sich
schleppen lassen.
Die Schleusen vergüten dann
dem Flösser für jeden
Kubikmeter geflössten Holzes
1½ Pfennig, sodass dies ihm
einem Teil der Schleppkosten bezahlt.
Geflösst wird auf dem Main
schon seit dem 16. Jahrhundert,
so berichtet die Chronik von Wallenfels.
Es sind dies ganz bestimmte Familien,
die schon Generationsweise, dieses,
ich darf wohl sagen gesunde, bodenständige
Handwerk betreiben.
Auf unserer Fahrt durchfahren wir
ganz verschiedene Landschaftstypen.
So das rebenbedeckte Gelände
von Würzburg. So auch das Stück,
wo der Main auf lange Zeit den Spessart
durchfliesst. Und da ist mir just
auch die Erzählung von Hauff,
"Das kalte Herz" eingefallen, darin
auch eine Flössergestalt vorkommt,
der Kohlenmunkpeter mit seinem steinernen
Herzen.
Ein
Bericht von A. Bollinger,
geschrieben 1938. |
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| Dieser
Bericht wurde von dem Fotografen
A. Bollinger aus Schaffhausen in
der Schweiz im Jahre 1938 während
seiner Reise mit den Wallenfelsern
Flößern verfaßt.
Die Originalfotos und der Originalbericht
wurden freundlicherweise von
Hans Müller-Caspar-Sohn zur
Verfügung gestellt. |
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